Petition: (MEHR) DEMOKRATIE IN DER SCHULE WAGEN!

Der AK Freie Bildung unterstützt die von Kreidestaub Freiburg ins Leben gerufene Petition „(Mehr) Demokratie in der Schule wagen!“.

Hier geht es zu Petition: https://www.openpetition.de/petition/online/eine-demokratische-gesellschaft-braucht-eine-demokratische-schulkultur

Wir wollen eine demokratische Schulkultur fördern, die das Lernklima nachhaltig verbessern, die alltäglichen Konflikte lösen, und den großen Herausforderungen unserer Gesellschaft (Klimawandel, Rechtspopulismus, Digitalisierung und Migration) langfristig begegnen kann. Wir wollen, dass in unserer Demokratie eine Erziehung zur Mündigkeit die Regel ist, sodass antidemokratische Haltungen hierzulande in der Zukunft keine Chance mehr haben.

Heute ist das Schul- und Lernklima oft von Stress und Angst geprägt – das Verhältnis zwischen Schüler *innen, Lehrer *innen und Eltern könnte viel angespannter nicht sein. Lehrkräfte sind einer enormen Burnout-Gefahrausgesetzt (1) und psychische Krankheiten lassen sich vermehrt auch unter jungen Menschen feststellen. Meist werden sie mit massivem Leistungsdruck in der Schule in Zusammenhang gebracht, doch die PISA Studieninspirieren die Bildungspolitik oftmals, diesen weiter zu erhöhen. (2) Zu wenige Kinder gehen heute gerne in die Schule, sodass Eltern das Vertrauen in die staatlichen Schulen verlieren und zunehmend auf Privatschulen setzen (3), sofern sie es sich leisten können. So geht es nicht weiter: Wir brauchen Ansätze, die diese Probleme lösen können.

Mit Einführung der Gemeinschaftsschulen hat Baden-Württemberg einen kleinen, aber sehr wichtigen Schritt in die richtige Richtung getan. Diese Schulen zeichnet aus, dass es keine Leistungsbewertung in Form von Ziffernnoten mehr gibt, kein Sitzenbleiben und keinen Leistungsdruck. Dafür beinhaltet das Konzept ein längeres gemeinsames Lernen aller Kinder mit regelmäßigem Klassenrat, Vollversammlungen und individuellen Gesprächen. Doch auch darüber hinaus sollten wir die Grundidee der demokratischen Bildung ernst nehmen und eine Schulkultur entwickeln, die unserer Gesellschaft und ihrer Zukunft gerecht wird!

Demokratische Bildung ist nicht nur auf das gestörte Schul- und Lernklima, sondern auch auf den erstarkenden Rechtspopulismus und die Menschenfeindlichkeit in vielen europäischen Ländern eine gute Antwort. Denn wer früh Gleichberechtigung erfahren hat, wird erfahrenes Unrecht bei sich und anderen nicht so leicht übersehen können. Die Arbeitswelt der Zukunft liefert mit ihren hohen Anforderungen ebenfalls eine Notwendigkeit: Verantwortungs- und Selbstbewusstsein, Teamfähigkeit und Kreativität – wie sollen sich diese Eigenschaften entwickeln, wenn man in der Schule meist nur zuhören und viel auswendig lernen darf?

Begründung

Demokratische Bildung erfordert, demokratische Werte wie Gleichberechtigung, Respekt, Vielfalt und Partizipation strukturell in der Schule zu verankern. Ideen, die sich bereits an demokratischen Schulen weltweit bewährt haben (4) sind die Schulversammlung, die Streitschlichtung und das Justizkommittee, in dem Grenzüberschreitungen diskutiert und Sanktionen verhängt werden können. Klassenräte (5), die in Deutschland schon vielerorts mit Erfolg etabliert wurden, bieten einen Rahmen, klasseninterne Konflikte zu lösen. In einer Studie der Stiftung EVZ werden noch weitere Formen der Partizipation in der Schule diskutiert, wie zum Beispiel eine gemeinsam erarbeitete Schulverfassung. (6) Diese Ideen versuchen, Gleichberechtigung zwischen Lehrenden und Lernenden zu verwirklichen. Sie entscheiden gemeinsam, wie ihre Schule gestaltet wird.

Andererseits bedeutet demokratische Bildung, selbstbestimmt zu lernen – denn nur dort, wo wir selber wählen, können wir lernen, die für uns richtige Entscheidungen zu treffen. Es ist vielfach belegt, dass interessegeleitetes Lernen am nachhaltigsten ist. Nicht nur Deci und Ryan, auch die Studien von John Hattie haben gezeigt: Lernen gelingt dann am besten, wenn wir es selbst in der Hand haben! (7) Lernen kann auch ganz nebenbei geschehen und braucht nicht immer die Instruktion durch Lehrkräfte (informelles Lernen). (8) Hier liegt Entlastungspotential auf beiden Seiten: In einer Schule, die diese Erkenntnisse ernst nimmt, treten die verschiedenen Interessen und Bedürfnisse der Schüler*innen in den Vordergrund und die Lehrkräfte können sich darauf konzentrieren, Lernprozesse dort anzuregen und zu begleiten, wo es gerade gebraucht wird.

Die Kultusministerkonferenz entschied schon 2009, demokratische Strukturen in deutschen Schulen zu fördern (9) und im Januar verkündete der neue KMK-Präsident Helmut Holter, den diesjährigen Schwerpunkt auf Demokratiebildung zu legen. Auch der Europarat hat ein Rahmenprogramm mit Ansätzen zur Demokratisierung der Schulen in Europa erarbeitet, das auf seine Umsetzung wartet. (10) Eine Anregung könnte der Autonomieansatz des israelischen Bildungsministeriums sein, der eine rasante Schulentwicklung ermöglichte. Heute gibt es in Israel sogar ein Ausbildungsinstitut, das einen B.A. of Democratic Education anbietet. (11) So könnte man auch die deutsche Lehrkräfteausbildung durch demokratiepädagogische Seminare ergänzen (12) oder sogar ein eigenes, zukunftsweisendes Ausbildungsinstitut aufbauen. In Deutschland ist die Laborschule des Landes NRW in Bielefeld eine demokratische Schule, die seit 1974 durch eine wissenschaftliche Einrichtung der Universität Bielefeld und einen wissenschaftlichen Beirat begleitet wird. (13) Die Erkenntnisse ihrer Evaluation werden regelmäßig veröffentlicht und bieten zahlreiche Ansatzpunkte zur demokratischen und innovativen Schulentwicklung. (14)

Wir stellen fest: Es gibt sowohl den politischen Rahmen, als auch die wissenschaftliche Basis, um unser Schulsystem demokratischer zu gestalten. Wir fordern also, die zum Teil bereits bestehenden Strukturen weiter auszubauen und zu fördern. An anderen Orten müssten sie erst einmal verantwortlich aufgebaut, dann kontinuierlich weiterentwickelt und wissenschaftlich begleitet werden. Das geht nicht von heute auf morgen, aber es ist jetzt Zeit, sich auf den Weg zu machen.

Wagen wir also endlich mehr Demokratie in der Schule! Vertrauen wir denjenigen, die an ihr lehren und lernen, ihre Probleme in organisierten Formen (Klassenräte, Mediation, Justizkommittee und Schulversammlungen) gleichberechtigt miteinander zu lösen. Geben wir ihnen die Chance, ihre Schule, in der sie so viel Zeit und Energie lassen, mitzugestalten und so zu einem Ort zu machen, an dem sie zwangfrei und gerne lehren und lernen. So wird aus einem Ort der alltäglichen Konflikte ein Ort der Neugier, Begegnung und Entfaltung.

Üben wir endlich mehr Demokratie in der Schule, sodass wir lernen miteinander zu streiten und trotzdem nie vergessen, dass es gut ist, verschieden zu sein.

!!! Falls du Lust hast, die Petition mit deiner Gruppe, Schule oder Organisation namentlich zu unterstützen oder für deine Region einen Teil der Koordination zu übernehmen, melde dich bei kreidestaub-freiburg@protonmail.com !!!

Bereits unterstützende Gruppen: Kreidestaub Freiburg, AK Freie Bildung, Freiburger Bündnis „Eine Schule für alle“

Anhang: Es gibt einige Filme, die einen Einblick in den Alltag demokratischer Schulen verschaffen, z.B. Freistunde, Pretty cool system, Democratic Schools, Berlin Rebel High School und Schools of Trust. Außerdem gab es im März einen ausführlichen Beitrag des SWR zu einer demokratischen Schule in Freiburg. (15)

Quellenpad.riseup.net/p/r.d3a6bb04e1ac09f68616957596f7f9c4

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