Anwesenheitszwang abschaffen!

In den Räumen der Universitäten liegen immer wieder Anwesenheitslisten rum. Diese haben mit guter Lehre nichts zu tun – auch nicht mit der Überprüfung ob alle lernen. Sie machen nur die Atmosphäre im Seminarraum bedrückend und verursachen ein ständiges Gefühl der Kontrolle. Manchmal stehen sogar persönliche Daten darauf.

Der Anwesenheitszwang ist eines der deutlichsten Zeichen, dass unser Studium, unsere Bildung, nicht uns gehört. Es wird nicht nur ein Nachweis verlangt, dass wir etwas in einem bestimmten Themengebiet gelernt haben. Uns wird zudem vorgeschrieben, wie wir lernen sollen – mit welcher Intensität und mit welcher Methode.

„Eine derartige Praxis ist weder hochschulpolitisch sinnvoll noch verfassungs- und hochschulrechtlich weiter hinnehmbar.“

– Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung NRW¹

Wir haben keine Lust unser Studium absitzen zu müssen! Für uns steht der allgemeine Anwesenheitszwang im Widerspruch zu einem selbstbestimmten Studium als individuelle Bildungsphase. Das Studium soll für jede*n die Möglichkeit bieten, in der Art und Weise Wissen und Kompetenzen zu erwerben, die für den*die Student*in am besten geeignet ist. Egal ob in Vorlesungen oder einem Seminar, im Selbststudium in der Bibliothek oder in selbstorganisierten Lerngruppen. Der allgemeine Anwesenheitszwang in Lehrveranstaltungen jeglicher Art ist eine Einschränkung der Studierfreiheit der Studierenden.

Ob eine Person aufmerksam eine Veranstaltung verfolgt liegt allein bei ihr. Aktives Zuhören oder engagierte Mitarbeit erhält man nicht durch das Zwangsmittel Anwesenheitspflicht. Motivation und die Einbindung der Studierenden in den Ablauf der Veranstaltung sind hier die richtigen Mittel.

Verteidiger*innen der Anwesenheitspflicht werden den worst-case zeichnen: Ein geleerter Seminarraum, außer dem Dozent nur eine Person, die ihr Referat herunter haspelt. Die Anwesenheitspflicht sei also Garant für das Funktionieren des Seminars. Dem möchten wir den worst-case im jetzigen System entgegenhalten: Ein gefüllter Seminarraum mit unzähligen desinteressierten Studierenden, die ein weiteres Referat gelangweilt über sich ergehen lassen. Das Gegenüberstellen zeigt erneut: Motivation lässt sich nicht erpressen!

Wir sind erwachsene Personen. Genauso wie wir unser Leben selbständig führen, wollen wir auch unser Studium gestalten dürfen. Wir wollen zwischen verschiedenen Lernwegen entscheiden. Dabei sind wir natürlich bereit, die Verantwortung für unsere Entscheidungen zu tragen. Es ist nicht die Aufgabe von Dozierenden zu hinterfragen, ob wird dazu fähig sind. Dieser erzieherische Impetus ist fehlgeleitet.

Speziell bei Vorlesungen ist die Anwesenheitspflicht sogar kontraproduktiv. Es ist allgemein anerkannt, dass eine Vorlesung ein schlechtes Mittel darstellt, um Wissen zu vermitteln. Wissen bleibt besser im Gedächtnis, wenn man es sich selbst angeeignet und strukturiert hat. Nur wenn die Anwesenheitspflicht fällt, können Studierende entscheiden, ob sie die Informationen auf dem Silbertablett serviert bekommen oder sie sich im Selbststudium aneignen möchte.

Generell kann Anwesenheit nicht als Vorleistung für Prüfungen herhalten. Der Zweck von Prüfungen ist es bestimmte Inhalte und Kompetenzen abzufragen. Die Abfrage von Anwesenheit zum Inhalt oder zur Kompetenz erheben zu wollen, ist absurd.

In diesem Zusammenhang stellt beispielsweise der Prorektor für Bildung der TU Dresden fest, dass „prüfungsrechtlich (…) die Präsenz in Lehrveranstaltungen ohne Relevanz [ist]“.² Diese Einschätzung lässt sich auch auf Baden-Württemberg übertragen, da nicht nur im sächsischen Hochschulgesetz ein Verweis auf eine studentische Pflicht zur Anwesenheit in Lehrveranstaltungen fehlt.

Zusätzlich beschränkt der Anwesenheitszwang die Möglichkeiten von Studierenden, unabhängig von ihrer sozialen & ökonomischen Situation zu Studieren. Nebenjobs, um das notwendige Geld für das Studium zu verdienen, und ehrenamtliches Engagement müssen an die Veranstaltungszeiten an der Hochschule angepasst werden.

Wir fordern ein selbstbestimmtes Studium, das uns erlaubt, unsere Ziele selbstständig einzuteilen und zu entscheiden, welche Themen uns wichtiger sind oder, dass wir uns Inhalte lieber selbstständig erarbeiten… von anderen Pflichten neben dem Studium ganz zu schweigen. Dabei lassen wir uns auch nicht auf das Argument ein, dass das ganze Seminar nur gemeinsam gut lernt. Wir wünschen uns auch eine gemeinsame Lernkultur, in der die Lernenden nicht nur auf die nächste Prüfung gucken. Ein Anwesenheitszwang verstärkt diesen Druck nur noch mehr und lässt die Studierenden aus den falschen Motiven antanzen.

Hochschulrechtlich fragwürdige Praxis!

Die Durchführung des Anwesenheitszwangs obliegt einzig und allein den Lehrenden (wie das Rektorat uns mitgeteilt hat), welche behaupten, sie führen dies aufgrund eines Beschlusses des Seminars durch (viele sind dieser Kontrolle eh abgeneigt). Aufgrund der Lehrfreiheit der Dozierenden kann dieser Beschluss jedoch nicht bindend sein.

Die Studierfreiheit ist sowohl im Landeshochschulgesetz (LHG, §3, Absatz 4 Satz 1) festgeschrieben wie auch im Grundgesetz über die Ausbildungsfreiheit (GG, Artikel 12, Absatz 1, Satz 1) und die allgemeine Handlungsfreiheit (GG, Artikel 2, Absatz 1). Demnach soll es jeder*m Studierenden freigestellt sein, selber über die Präsenz in Lehrveranstaltungen zu entscheiden.

Dem gegenüber steht die Lehrfreiheit der Dozierenden (GG Artikel 5, Absatz 3), nach der es den Dozierenden frei steht, darüber zu entscheiden, welche Leistungen die Studierenden erbringen müssen, um ihre Lehrveranstaltung erfolgreich abzuschließen.

Diese beiden Rechtsgüter müssen in einer gewissen Verhältnismäßigkeit zueinander stehen. Dies bedeutet: Ein Anwesenheitszwang kann nur dort herrschen wo die Anwesenheit zum erreichen des Lehrziels erforderlich ist (z.B. Laborpraktika). Es kann dort kein Anwesenheitszwang herrschen, wo das Lehrziel mit anderen Mitteln erreicht werden kann, bzw. über alternative Lernwege erreicht werden kann (z.B. alle Vorlesungen und nahezu alle Seminare). Wenn über das Erreichen des Lernziels über Prüfungen (Hausarbeiten, Klausuren, etc.) bestimmt wird, ist in aller Regel der Anwesenheitszwang unverhältnismäßig. Wenn ein*e Dozierende*r den erforderlichen Wissensstand klar definiert ist es nahezu immer auch möglich dieses Wissen eigenständig zu erwerben.

Vor diesem Hintergrund stellen wir fest, dass:

  • Der Anwesenheitszwang für den Anspruch eines selbstbestimmten und kritischen Studiums politisch abzulehnen ist.

  • Der Anwesenheitszwang rechtlich nur in begründeten Ausnahmefällen überhaupt zulässig ist. Der Anwesenheitszwang als allgemeine Regelung widerspricht dem Grundrecht der Studier- und Lernfreiheit.

Deswegen fordern wir, dass der Anwesenheitszwang endgültig und umfassend abgeschafft wird!

Das heißt konkret:

  • Wir fordern ein Verbot des Anwesenheitszwangs auf Landesebene durch eine Ergänzung des LHG §32, wie in NRW im HZG, um folgenden Absatz:

    • (4a) Eine verpflichtende Teilnahme der Studierenden an Lehrveranstaltungen darf, unbeschadet des § 29 Absatz 5 Satz 3, als Teilnahmevoraussetzung für Prüfungsleistungen nicht geregelt werden, es sei denn, bei der Lehrveranstaltung handelt es sich um eine Exkursion, einen Sprachkurs, ein Praktikum, eine praktische Übung oder eine vergleichbare Lehrveranstaltung.

  • Wir fordern den Senat und die Fakultätsräte dazu auf, den Anwesenheitszwang aus den Prüfungsordnungen zu streichen. Die Anwesenheit ist keine Leistung (zumindest von universitärer Relevanz)!

  • Wir fordern alle Dozierende dazu auf, die Kontrolle der Anwesenheit freiwillig zu unterlassen. Auf „Kontrollen durch die Hintertür“ mit Minimalleistungen, die nicht für die Studierende vorhersehbar sind, ist zu verzichten!

1: http://www.wissenschaft.nrw.de/fileadmin/Medien/Dokumente/Hochschule/Gesetze/Anwesenheitspflicht_im_Hochschulgesetz_Begr%C3%BCndung.pdf (Zugriff: 18.8.15)

2: http://unserebildung.de/images/0/03/TU_Dresden_Anwesenheitslisten_Brief_des_Prorektors.pdf

Advertisements
%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close